Thomas Bernhard - "Der Ignorant und der Wahnsinnige", Salzburger Festspiele

Regie: Gerd Heinz, Premiere: 14. August 2016

1972 fand die Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ bei den Salzburger Festspielen statt – ein Stück das wahrlich Festspielgeschichte geschrieben hat. Durch eine nichtige Lappalie in Bezug auf die Umsetzung der Schlussszene, zwischen Regisseur Claus Peymann und der Festspielleitung, wurde das Stück nach der Uraufführung abgesetzt und ist seither von den Salzburger Bühnen verschwunden. Im Jahr 2016 und damit 44 Jahre später, wagt sich Regisseur Gerd Heinz an das Stück heran - das Salzburger Festspielpublikum wartet ehrfürchtig und mit höchster Spannung auf die Neu-Inszenierung!

 

Die Oper „Die Zauberflöte“ hat das Leben Thomas Bernhards, der als bekennender Liebhaber von Mozarts Musik gilt, maßgeblich beeinflusst. So ist es nicht verwunderlich, dass ausgerechnet dieses Werk zum Ausgangspunkt einer seiner frühen Theaterstücke wurde. Das Schauspiel handelt von insgesamt fünf Personen, davon drei Hauptcharaktere: ein perfektionistischer Arzt, der unaufhörlich von der Anatomie des menschlichen Körpers spricht, die Koloratursängerin  aus der „Zauberflöte“ und ihrem kranken, trunksüchtigen Vater. Das Stück beginnt in einer Garderobe, vor dem Auftritt der Königin der Nacht, wo der Vater und der Doktor – ein Freund und Bewunderer der Sängerin auf deren Eintreffen warten. Diese erscheint bekanntlich immer ein paar Minuten vor Beginn der Vorstellung und doch nie zu spät. Die Personen bleiben namenlos. Die Handlung  entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einer monologisierten Seziervorlesung. Der zweite Akt spielt im Wiener Nobelrestaurant „Drei Husaren“. Frustriert und überfordert mit dem ständigen Drang zu Perfektionismus, Selbstdisziplin und Exaktheit, beschließt die Sängerin ihrem Dasein als Star der „Zauberflöte“ den Rücken zu kehren und alle weiteren Termine abzusagen. Unterdessen findet der Monolog des Arztes, welcher nur durch kurze Einwürfe und Wiederholungen der anderen beiden Personen unterbrochen wird, seine nicht enden wollende Fortsetzung.

 

Ein Opern-Attentat

Was auf den ersten Blick einfach erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein komplexes Gefüge zahlreicher Hintergrund- und Interpretationsebenen. Aus der Wahl des Sujets ist anzunehmen, dass Bernhard die Auseinandersetzung mit den Idealen der Aufklärung, welche in der Oper zum tragen kommen, ein Anliegen war. Das Theater, insbesondere die Oper, sei nichts für einen natürlichen Menschen heißt es im Stück. Auch in Bezug auf seine musikalisch-literarische Sprachwahl sind Bezüge zum Werk zu erkennen. Der Einsatz von Repetition als  Stilmittel im Sprachduktus bestimmt den Text maßgeblich und erinnert in seinem Aufbau stark an musikalische Strukturen einer Oper. Den Arzt und die Sängerin verbindet die Gemeinsamkeit, dass beide ihren Beruf mit höchster Präzision und technischer Perfektion ausführen. Das Seelenleben der Menschen liegt ihnen fern. Bernhard macht auf den Umstand, dass der Mensch in Bezug auf seine Gesundheit nicht ganzheitlich betrachtet wird aufmerksam. Wissenschaft und Medizin seien lediglich an einzelnen Organen interessiert. Der Mensch an sich interessiere sie dabei nicht im Geringsten. Auch das Motiv der Angst, das sich nur durch Perfektion und Präzision kompensieren lässt, wird im Stück immer wieder aufgegriffen. Die selbst auferlegte Bezeichnung der Sängerin als Koloraturmaschine, der das Theaterpublikum völlig egal ist, die das Theater und insbesondere die Oper als Hölle auf Erden bezeichnet, verlautbart die Missstände im Kunstbetrieb. Ohne das Wort „Salzburg“ nur ein einziges mal aussprechen zu müssen, weiß jeder worauf die Sache letztlich hinausläuft..

Dies war natürlich harsche Kritik die ganz besonders in der Festspielstadt zu jener Zeit  nicht auf der Tagesordnung stand. Das Publikum reagierte weitestgehend gelassen und würdigte das Stück mit starkem Beifall, was vielmehr der schauspielerischen Leistung als dem Stück per se zuzuschreiben ist.

 

Umstrittene Uraufführung

Unter den Kritikern herrscht 1972 Uneinigkeit darüber, ob ein solches Stück für die Bühne geeignet ist. So steht beispielsweise in der Wochenpresse vom 2. August 1972: „[...] sein Antifestspiel, seine erbarmungslose Sezierung des hochgezüchteten Kunstbetriebes, ist nicht fürs Theater geschrieben, weil es sich über die fundamentalsten Gesetze dieser Kunstgattung hinwegsetzt“ und „eineinhalb Stunden Anatomievorlesung lassen sich nur schwer mit dem Begriff Theater vereinbaren“.  „Thomas Bernhards Stück [...] bildet eine zutiefst pessimistisch geprägte Absage an ein Dasein, das durch den Verlust der Natur in eine totale Künstlichkeit pervertiert wurde und gleichzeitig eine Entfremdung des Menschen vom Leben mit sich brachte.“ Neue Zeitung, 2. August 1972.

 

Der Theaterskandal

Der Schluss der beiden Werke – „Die Zauberflöte“ und „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ ist nach dem selben Prinzip gestaltet. Während in der „Zauberflöte“ am Ende die Nacht durch die Sonne vertrieben wird und sich das Theater blitzartig in eine „Quelle des Lichts“ verwandelt, verläuft es hier genau umgekehrt – plötzlich tritt Dunkelheit ein. Die absolute Finsternis war in diesem Zusammenhang ein Stilmittel, das für Regisseur Claus Peymann und Autor Thomas Bernhard, für eine erfolgreiche Aufführung, essentiell war. Die Festspielleitung, das technische Personal und die Sicherheitsbeamten waren hingegen weniger begeistert von dieser Idee, die schließlich nicht bewilligt werden konnte. Eine Diskrepanz, die sich zu einem regelrechten Skandal entwickelte. Da bei der Uraufführung die Notbeleuchtung nicht abgeschaltet sondern lediglich verdunkelt wurde, kam es zum Eklat hinter der Bühne. Peymann der sich höchst empört über den angeblichen Bruch der Abmachung, das Licht abzuschalten zeigte, entschied, dass unter diesen Umständen keine weitere Aufführung stattfinden solle. Eine Unsinnigkeit, die schließlich vor Gericht ausgehandelt werden musste. Der Regisseur war zum Zeitpunkt der Uraufführung kein unbeschriebenes Blatt mehr in Salzburg. Bereits im Vorfeld hatte es immer wieder Schwierigkeiten rund um den Probenprozess bei den Salzburger Festspielen gegeben. Thomas Bernhard, der zum Zeitpunkt der Uraufführung bereits abgereist war, äußerte sich zu dem Vorfall wie folgt: „Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus.“

 

„Der Ignorant und der Wahnsinnige“ von Skandalautor Thomas Bernhard ist ein außerordentliches Stück das 2016 kaum an Aktualität verloren hat. Wiederaufnahme im August bei den Salzburger Festspielen.


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